Eine Fünf in Bio: Anwalt, übernehmen Sie!

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Immer mehr Eltern und auch Schüler machen von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch und schalten einen Anwalt ein, wenn die Noten nicht stimmen oder Lehrer einen Fehler machen. Freitag gibt es Zeugnisse.

Lena (Name geändert) stand kurz vor einer Katastrophe. Eine Fünf in Biologie, eine Vier in Erziehungswissenschaften: Mit den dürftigen Noten erreichte die 17-jährige Gymnasiastin nicht die Mindestpunktzahl, um zum Abitur zugelassen zu werden. Eine Hiobsbotschaft, die Lenas Eltern so nicht stehen lassen wollten. Sie schalteten einen Anwalt ein.

Ihm gelang es, gegenüber der Schule und auch der Bezirksregierung nachzuweisen, dass Lena von ihrem Lehrer gemobbt wurde. Während die Behörde jetzt überlegt, gegen den Pädagogen eine Dienstaufsichtsbeschwerde einzulegen, studiert Lena inzwischen. Ihre Eltern sind nicht die einzigen, die mit juristischer Hilfe gegen schulische Fehlentscheidungen vorgehen. Gerade jetzt - kommenden Freitag gibt es Zeugnisse - hat die Handvoll Schulrechtsexperten unter den mehr als 10000 zugelassenen Anwälten jede Menge zu tun. Einer von ihnen ist Jörg Sion (47). Er beobachtet, „dass die Zahl der klagenden Eltern und Schüler ständig steigt.”

Behandelte er vor fünf Jahren noch etwa 50 Streitigkeiten auf diesem Rechtsgebiet, waren es 2007 doppelt so viele. Kommende Woche rechnet er mit „mindestens 30 neuen Mandanten.” In etwa 25 Prozent der Fälle wird ein Verfahren eingeleitet, Sions Erfolgsquote beim Verwaltungsgericht liegt bei „guten 50 Prozent”. Der aktuellste Fall: Weil der Lehrer mit einem Erstklässler nicht klar kommt, soll der in eine Förderschule abgeschoben werden. Sion erwirkte einen Intelligenztest. Ergebnis: Der Sechsjährige hat einen IQ von über 130, gilt als hochbegabt. „Aus Unkenntnis erkennen das viele Pädagogen nicht, wehren sich die Eltern nicht, endet das für ihre Kinder oft in einer Tragödie”, kritisiert der Anwalt. Dass auch Lehrer nicht ohne Fehler sind, weiß Sion zudem aus einem Beispiel an einem Gymnasium im Süden. Der Mutter eines Siebtklässlers wurde von der Lehrerin erklärt, ihr Sohn würde auch mit drei Fünfen versetzt.

Doch der 13-Jährige blieb sitzen. Weil die Mutter nutzte, was unter jedem Zeugnis steht: Widerspruchsrecht innerhalb eines Monats, „konnten wir uns gütlich einigen. Die Lehrerin räumte ihren Fehler ein.” Oft reicht es schon, wenn der Anwalt das Gespräch mit Schulleitung oder Aufsichtsbehörde sucht. Kommt es allerdings zum Prozess und Eltern oder Schüler bekommen Recht, muss die Stadt als Schulträger die Verfahrenskosten tragen. In der Verwaltung gibt es dafür sogar eine eigene Haushaltsstelle, die mit gut 600 Euro gefüllt ist.

Von Andrea Krebs

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