Noten in Mathe sind leichter anfechtbar.

Westdeutsche Zeitung, 30.06.2005

Wenn die Zeugnisnoten nicht stimmen, schalten Eltern mittlerweile häufiger als früher einen Anwalt ein. Doch eine Klage lohnt sich nicht immer. – Von Sven Prange

Nick (Name von der Redaktion geändert) hätte beinahe Pech gehabt. Eine Fünf in Philosophie sollte seine Zulassung zu den Abiturprüfungen verhindern. Denn mit diesem Mangelhaft wäre der Gesamtschüler ganz knapp unter der Mindestpunktzahl geblieben, de nötig ist, um überhaupt die Abi-Prüfungen absolvieren zu dürfen. „Die vielen Fehlstunden“, lautete die Begründung der Schule, hätten eine ausreichende Note im Fach Philosophie unmöglich gemacht.

Nick hat mittlerweile sein Abitur in der Tasche. Denn unmittelbar nach der Hiobsbotschaft über die gescheiterte Zulassung haben die Eltern des 19-Jährigen einen Anwalt eingeschaltet. Der konnte gegenüber Schule und Schulaufsichtsbehörde nachweisen, dass Nicks hohe Fehlstundenzahl durch en gesundheitliches Problem verursacht war.

Nicks Eltern sind nicht die einzigen, die in Düsseldorf mit juristischer Hilfe gegen schulische Entscheidungen vorgehen. Gerade jetzt – eine Woche vor Zeugnisausgabe – haben die Schulrechtsexperten unter den Rechtsanwälten alle Hände voll zu tun. Einer von ihnen ist Jörg Sion. „Die Zahl der Eltern und Schüler, die klagen, steigt“, hat der Anwalt beobachtet. Vor allem nach der Zulassung zu den Abitur-Prüfungen und zur Zeugnisausgabe gibt es viel zu tun.

Sion betreut jährlich 80 Fälle, in denen Schüler und Schule miteinander im Clinch liegen. Nicht immer muss es dabei bis vor den Kadi gehen. Oft reicht es auch schon, wenn der Anwalt das Gespräch mit Schulleitung oder Schulaufsichtsbehörde sucht. „Ich setze auf Kooperation. Das bringt meistens mehr“, hat Jörg Sion erfahren. Dabei sind die Erfolgsaussichten vom einzelnen Fall abhängig. Grundsätzlich gibt es im Schulrecht zwei Klagemöglichkeiten: gegen reine Verwaltungsakte – also Schulverweise, Strafversetzungen oder Unterrichtsausschluss – und gegen Noten. Hier ist ein Gerichtsverfahren schwierig. „Der Lehrer hat einen Beurteilungsspielraum“, erklärt Sion. „Da kann ein Gericht kaum eingreifen.“

Dabei sind Noten in Mathematik noch leichter anfechtbar, als etwa in Deutsch. Fünf plus drei ist eben acht, ob dagegen eine Gedichtanalyse den Erwartungen entspricht, ist auslegbar. „Man kann den Nachweis versuchen, dass der Lehrer persönlich gegen den betroffenen Schüler eingenommen ist“, sagt Sion. Die Chance, hier Recht zu bekommen, liegt bei 50 zu 50.

„Man muss realistisch sein“, sagt Sion. „Ich schaue mir die letzten vier Zeugnisse eines Schülers an. Wenn der in dem betreffenden Fach schon immer schlecht war, hat man keine Chance.“ Als Faustregel gilt: Je schneller Eltern Beschwerde einlegen, desto höher sind die Erfolgsaussichten. Allerdings warnt Jörg Sion auch vor Schnellschüssen: „Man sollte nicht sofort bei der ersten schlechten Note des Kindes einen Anwalt einschalten.“

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