Per Widerspruch zu besseren Noten.

Westdeutsche Zeitung, 18.02.2003

Düsseldorf. – An den 22. April 1998 erinnert sich Kathrin nicht gern. Es war der Tag, an dem sie vor dem Kölner Verwaltungsgericht eine zweite Niederlage hinnehmen musste. Eine Niederlage, die der heute 25-Jährigen die Möglichkeit nahm, ein Studium anzutreten. Ein einziger Bewerbungspunkt hatte der jungen Frau für die Reifeprüfung gefehlt. Kathrin kämpfte um ihr Abitur. Für diesen einen Punkt zog sie sogar bis vor das Verwaltungsgericht.
Was damals fast einer Pionier-Tat glich, ist heute für den Düsseldorfer Rechtsanwalt und Schulrechtsspezialisten Jörg Sion längst kein Novum mehr. „In den letzten zehn Jahren hat die Anzahl derer, die Widerspruch gegen Schulnoten einreichen und sogar vors Gericht ziehen, stark zugenommen“, sagt er.
Gerade die Eltern seien besser informiert, zögen immer öfter rechtliche Schritte in Betracht, um Versetzungen, verbesserte Durchschnittsnoten oder Abiturzulassungen doch noch zu erreichen. Doch der Gang vors Gericht ist nur das letzte Mittel. „Man kann immer Widerspruch einlegen. Auf jedem Zeugnis müssen Rechtsmittelbelehrungen aufgelistet sein, die besagen, dass man innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen kann“, erklärt der Anwalt.
Ist dies nicht der Fall, könne bis zu einem Jahr Widerspruch eingelegt werden. Sobald Widerspruch eingelegt sei, prüften Schule und Bezirksregierung die Zensur, indem der Lehrer zu einer Stellungnahme verpflichtet werde. „Oft sind Missverständnisse die Gründe für Beschwerden, die auf diesem Weg aus der Welt geschafft werden können“, weiß Sion.
Kommt es jedoch nicht zur Einigung mit den Lehrern, können Eltern sich im Zweifelsfalle von Verwaltungsrechts-Spezialisten beraten lassen, Kostenpunkt: 180 Euro. Gegen den Widerspruchsbescheid könne Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht werden. „Das Gericht prüft dann, wie die Benotung zustande gekommen ist“, erklärt der Spezialist. Ermittelt werde, ob die Zeugniskonferenz zum Beispiel nicht ausreichend besetzt gewesen oder die Lehrkraft von so genannten falschen Tatsachen ausgegangen ist. Dazu zählten unter anderem die nicht angemessene Berücksichtigung einer langen Krankheit, Legasthenie oder eine Verletzung der allgemeinen Fairness aufgrund persönlicher Differenzen.

Die Klage vor Gericht kann teuer werden

Klagen vor dem Verwaltungsgericht könnten sich allerdings bis zu einem Jahr hinziehen, räumt Sion ein. Ein schnelleres Ergebnis vor allem nach dem Versetzungszeugnis könne aber mit einem Antrag auf so genannten einstweiligen Rechtsschutz erreicht werden. Aber: „Das normale Klageverfahren läuft weiter“, sagt Sion.

Der Streit um Schulnoten vor dem Gericht kann erst richtig teuer werden. Sion: „Die Anwaltskosten von mindestens 200 Euro bei einer frühen Einigung steigen bei einem Gerichtsverfahren auf mindestens 500 Euro. Hinzu kommen die Gerichtskosten und mögliche Gebühren für eine Beweisaufnahme mit Sachverständigen und Zeugen.“

In Kathrins Fall waren es die Schulkameraden, die als Zeugen vor Gericht die schlechten Bedingungen während der Abiturprüfung bestätigen sollten. Permanenter Lärm soll dazu geführt haben, dass der gesamte Mathematik-Leistungskurs sich deutlich verschlechtert hatte.
Für das Kölner Verwaltungsgericht spielte das allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Es wies die Klage ab.

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