Schlechte Noten vor Gericht.

Kölnische Rundschau, 31.01.2003

Heute gibt es Zeugnisse – und damit nicht immer Grund zur Freude. Noten kommen durch die Leistungen der Schüler zustande. Aber lässt sich das Können objektiv beurteilen, lassen sich pädagogische Bewertungen messen? Wer mit seiner Note unzufrieden ist und bei den Lehrern auf taube Ohren stößt, kann eine Klage bei Gericht einreichen. Doch ist das sinnvoll?

Kenan Ilgün bekam zwei Tage vor der Abikonferenz mitgeteilt, dass er nicht zu den Prüfungen zugelassen werden sollte. Wegen einer chronischen Nasen-Nebenhöhlenentzündung hatte er viele Fehlstunden im Fach Philosophie, in dem er sonst immer eine „2“ hatte. Plötzlich sollte es ein „ungenügend“ sein, obwohl er alle Fehlzeiten mit ärztlichen Bescheinigungen entschuldigt hatte. Der Stufenleiter war nicht mehr gesprächsbereit: Er wünschte Kenan bereits viel Glück für sein weiteres Leben – ohne Abitur. Dabei hatte der Schüler extra einen längst fälligen Operationstermin auf die Zeit nach dem Abitur verlegt.

„Im Gespräch mit anderen Lehrern bekam ich immer mehr den Eindruck, dass an mir ein Exempel statuiert werden sollte, das von langer Hand geplant war“, erzählt Kenan Ilgün jetzt, ein Jahr später. Aber so schnell gab er nicht auf: Es kam zu heftigen Wortgefechten mit einigen Lehrern und aus Verzweiflung gefälschten Attesten. Schließlich telefonierte er sich anderthalb Tage vor der ersten Abiturprüfung die Finger wund, um einen Anwalt im Köln-Bonner Raum zu finden, der mit ihm die Note – und damit die Nichtzulassung zum Abitur – gerichtlich anfechten könnte. Nach etwa 40 Telefonaten mit Kanzleien fand er über das Internet einen Anwalt, der auf Schul- und Prüfungsrecht spezialisiert ist.

Nach den Erfahrungen des Düsseldorfer Rechtsanwalts Jörg Sion sind kritische Einwände gegen schlechte Noten häufig gerechtfertigt. Gründe für die falsche Bewertung wären Sympathie und Antipathie, Verwechslungen oder „unfaires, willkürliches Verhalten des Lehrers“. Als ersten Schritt empfiehlt er aber trotzdem, zunächst das Gespräch mit den Lehrern zu suchen, bevor man anwaltliche Hilfe sucht.

Dieser Ansicht ist auch Rolf Steuwe, Sprecher des NRW-Lehrerverbandes. Er sehe Klagen gegen Noten zwar als zulässiges Mittel an, bedauere aber, dass die Zahl der Fälle in den letzten 15 Jahren zugenommen habe: „Die Eltern sind sehr ehrgeizig geworden, was ihre Kinder angeht.“ Die Noten seien aber fachlich und pädagogisch begründet: Es gebe Ermessens- und Interpretationsspielräume, wenn zum Beispiel die Zukunft des Schülers mit einbezogen würde. Manchmal sei es besser für einen Schüler, eine Klasse zu wiederholen, in anderen Fällen würden auch persönliche Schicksalsschläge und temporäre Schwierigkeiten berücksichtigt und die bessere Note gegeben.

„Oft fehlt die Bereitschaft der Eltern, mit den Lehrkräften gemeinsam nach einer Lösung im Sinne des Kindes zu suchen“, so Steuwe. Dass die Interpretationsspielräume bei der Notengebung aber auch unfachlich missbraucht werden, kennt Rechtsanwalt Sion aus seiner Arbeit: Er erinnert sich an eine Lehrerin, die ihre Klassen stets in drei Kategorien einteilte: sympathisch, egal, unsympathisch. Natürlich seien solch Kriterien sehr schwierig zu beweisen: „Man kann das aber aus dem Unterrichtsgeschehen ableiten. Die Mitschüler bilden eine ganze Gruppe an Zeugen. Und auch die Eltern bekommen zum Teil mit, wie sich ein Lehrer äußert, wenn er Vorbehalte gegen Schüler hat.“

Bei Kenan Ilgün konnte Rechtsanwalt Sion durch einstweilige Anordnung erwirken, dass er doch noch die Abiklausuren mitschreiben konnte. In einer außergerichtlichen Einigung wurde vereinbart, dass er die Zulassung im Nachhinein durch eine Nachprüfung bekommen konnte. Heute studiert Kenan und ist froh, dass er nicht so schnell aufgegeben hatte: „Egal, wie aussichtslos es erscheint – einen Versuch ist es jedenfalls wert!“

Rechtliche Schritte
So funktioniert eine Beschwerde gegen Noten: Zunächst sollte man das Gespräch mit den Lehrern suchen. Anschließend Widerspruch bei der Schulleitung einlegen. Der Widerspruch wird dann an Schulamt (Sek I) oder Bezirksregierung (Sek II) weitergeleitet. Bei Zeitdruck (z. B. wegen Versetzungsgefährdung) Anwalt einschalten, um Einstweilige Anordnung zu erwirken. Die Klage erfolgt einen Monat nach Zustellung des Widerspruchsbescheids.

So geht es nicht: Man sollte nicht die pädagogischen Argumente der Lehrer ignorieren und nicht annehmen, dass as „Beste für das eigene Kind“ immer die bessere Note sei. Wenn Schüler nicht angemessen im Unterricht mitarbeiten, müssen Eltern die Folgen akzeptieren. Keinesfalls das Angebot der Lehrer ausschlagen, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

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