Tschüss! Aber nicht ohne meinen Bachelor.

Rheinischer Merkur, Nr. 48 - 2007

Examen Auch Prüfer sind nicht fehlerfrei. Prüflinge können sich mit Erfolg wehren.

Die angehende Wirtschaftspädagogin Kristina fiel aus allen Wolken, als sie wegen ihrer Bachelorarbeit in der Abschlussprüfung disqualifiziert wurde. Mittels elektronischer Suchmaschinen im Internet hatten die Prüfer wortwörtliche Textübernahmen aus der Fachliteratur festgestellt – in ihren Augen ein eindeutiger Täuschungsversuch durch geistigen Diebstahl. Tatsächlich waren die benutzen Quellen nur unklar durch Pauschalhinweise am jeweiligen Kapitelende angegeben. So sind aber auch manche Fachbücher und wissenschaftlichen Aufsätze renommierter Professoren gestrickt. Kristina erhob beim Prüfungsamt formell Widerspruch gegen ihr angebliches Foul und erreichte einen Kompromiss: Sie muss eine neue Arbeit schreiben, gilt aber nicht als bereits einmal durchgefallen. Ihre Devise: „Tschüss, aber nicht ohne meinen Bachelor!“ Nur Abiturzeugnis und Führerschein sind Kristina zu wenig.
Längst nicht jeder Prüfling weiß sich zu wehren und aus einer kritischen Situation noch das Beste herauszuholen. „Schlecht abzuschneiden kann Schuldempfinden und Scham nach sich ziehen,“ erläutert Helga Knigge-Illner, psychologische Beraterin an der Freien Universität Berlin. Zu Unrecht. „Denn wenn jemand bei mir in der Prüfung wackelt, dann habe in Wirklichkeit ich versagt, den Kandidaten im Studium nicht genug betreut und geführt,“ sagt der Germanistik-Professor und Präsident der Humboldt-Stiftung, Wolfgang Frühwald. Trotzdem verstecken sich viele verunglückte Prüflinge lieber, knicken ein, statt zu protestieren und notfalls den Rechtsweg einzuschlagen.

Besonders fragwürdig ist das mündliche Examen. Nobody is perfect, auch nicht die Prüfer. Justizprüfungsämter bieten den Professoren Beratung durch Psychologen an. Sie zeigen beispielsweise an Videoaufzeichnungen von simulierten Prüfungen situationsgerechte beziehungsweise falsche Mimik und Gestik. Schon ein energisches Kopfschütteln kann den Prüfling aus der Fassung bringen. Nicht immer arbeiten die Protokollanten sorgfältig genug. Deshalb rät der Düsseldorfer Rechtsanwalt Jörg Sion jedem Kandidaten, sofort nach der Prüfung ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen und gegebenenfalls den Prüfern zum Überdenken ihrer Entscheidung vorzulegen, und zwar auch schon vor einem förmlichen Widerspruchsverfahren.

„Nicht lange abwarten,“ rät der Anwalt; wenn nötig, das Gericht um eine Prozesskostenbeihilfe bitten und allemal um eine vorklärende Eilentscheidung (vorläufigen Rechtsschutz). So wurde das „Nicht bestanden“ einer Medizinerin, die nur in einem einzigen Teilbereich eine Fünf und sonst bessere Noten bekommen hatte, binnen eines Monats aufgehoben.
„Je länger es bis zu Abänderung einer Fehlentscheidung dauert,“ so Sion, „desto größer wird das Risiko der Prüfungsämter, Schadensersatz leisten zu müssen.“ Wie hoch der Einkommensverlust für den ist, der erst ein Jahr später in den Arzt- oder Ingenieurberuf gehen kann, lässt sich recht schnell uns unstrittig beziffern. Deshalb pocht die Prüfungsbehörde bei einem Einlenken gern auf den Verzicht von finanziellen Ansprüchen. Sei’s drum, wenn das ihre Einsichtsfähigkeit beschleunigt!

Demgegenüber einfach nur auf stur schalten, weil man sich als Prüfling im Recht fühlt und die Professoren für niederträchtig hält, das zahlt sich oft nicht aus. Anwaltliche Begleitung kann vor Illusionen bewahren und Frustrationsverarbeitung erleichtern. Ein Beispiel ist der Pharmaziestudent Walter, der einen unvermeidlichen Schein zur Vorprüfung sechsmal verfehlt hatte und deshalb zur Studienberatung gegangen war. Dort riet man ihm, an einem anderen Institut derselben Uni einen (Ersatz-) Schein zu machen, der in früheren Fällen immer als gleichwertig anerkannt worden sei.
Pech für Walter, als er den alternativen Leistungsnachweis endlich im Prüfungsamt vorlegte: Man sei bisher leider fälschlicherweise von der Gleichwertigkeit ausgegangen, erklärte ein Aktenmensch, und könne das jetzt nicht mehr tun. „Dagegen kann man prozessieren,“ meint Anwalt Sion, „aber Vorsicht: Es gibt keinen Anspruch auf Gleichheit im Unrecht.“
Der Beschwerdeführer bringt sich selbst zu Fall, wenn er im Eifer des Gefechts lediglich auf vergleichbare Fälle verweist und womöglich eine Fehlerwiederholung fordert; er müsste vielmehr die Gleichwertigkeit der Scheine selber beweisen. Da ist nicht das subjektive Rechtsgefühl, sondern fachliche Beratung gefragt. Damit man sich nicht zum Don Quijote seines Selbstwertgefühls oder gar eines höheren Moralanspruchs macht, wo es doch um nicht mehr als eine Note geht – und im schlimmsten Fall immer noch die zweite Chance auf eine Wiederholungsprüfung gibt.
Von Thomas Frink

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